Stadt-Plan-Mitte Nr.32, September 2005

 

Ulrike Steglich

Ein Jeschiwa in der Brunnenstraße 33
Jüdische Bildungseinrichtung plant Umzug in die Rosenthaler Vorstadt

Vor fünf Jahren eröffnete in der Rykestraße in Prenzlauer Berg das "Bet Midrasch Berlin", ein Jeschiwa - ein jüdisches Bildungs- und Talmud-Studienzentrum für Männer. Es ist das erste in Nachkriegsdeutschland - vor 1933 hatten die Jeschiwas in Berlin und Deutschland einen guten Ruf. Die von der Lauder Foundation gegründete und geförderte Bildungseinrichtung erfreut sich reger Nachfrage und wächst von Jahr zu Jahr, weshalb sie nun Erweiterungsbedarf hat.

Und ein neuer Standort ist bereits gefunden. Der Jeschiwa soll künftig in der Brunnenstraße 33 ihren Sitz haben, in deren Hof sich die letzte erhaltene Privatsynagoge Berlins, Beth Zion befindet. Die Hintergründe waren nicht nur einem Artikel der "Jüdischen Zeitung" vom November letzten Jahres zu entnehmen, auch "Bet Midrasch" berichtet auf seiner Website www.yeshiva.de darüber.

Die Synagoge war während der Kristallnacht zwar verwüstet, aber nicht völlig zerstört worden, zu DDR-Zeiten befanden sich hier Büros eines VEB, nach der Wende engagierten sich Privatpersonen und Sanierungsbeteiligte für die Freilegung der historischen Substanz sowie den Erhalt und die Restaurierung der Synagoge. Vor ca. drei Jahren erwarb der jüdische Arzt und Immobilienhändler Roman Skoblo das Gebäudeensemble, bestehend aus Vorderhaus, Seitenflügel und Synagoge. Er wollte für die Wiederherstellung der Synagoge sorgen, die inzwischen auch wieder geweiht ist. Zusammen mit der Lauder Foundation entwickelte Skoblo das Jeschiwa-Projekt für diesen Ort: Vorderhaus, Seitenflügel, Synagoge und Verbindungstrakt sollen umfassend renoviert und zum "Yeshiva Beth Zion" umgebaut werden.
100 Studenten sollen in dem neuen Zentrum studieren können. Angeboten werden sowohl Vollzeit- als auch Teilzeitstudien, beispielsweise ergänzend zur Schule im Jüdischen Gymnasium. Dabei handelt es sich weder um eine Theologiestudium noch ein Rabbinerseminar, sondern um die Vermittlung einer breiten, jüdischen Bildung - Philosophie, Bibel, Talmud, jüdisches Gesetz - durch erfahrene Rabbiner. In einer Jeschiwa lernen die Schüler nicht nur (im Vollzeitstudium sechs Tage in der Woche von morgens bis abends), sondern essen gemeinsam, besuchen Gottesdienste, treiben Sport, wohnen auch möglichst dort, vergleichbar einem Internat.
Die Pläne sehen Klassenzimmer, Apartments für Schüler und Lehrerschaft, Büros, Küchen- und Speiseräume, eine Mikwa - ein jüdisches Bad -, Kinderpflegeeinrichtungen für die Kinder des Personals, eine Bibliothek, Wäscherei, Fitnessraum u.a. vor. Die Synagoge soll das Herz des Zentrums sein, in dem die Studenten lernen und beten.

Das freilich erfordert erhebliche Umbaumaßnahmen in den Gebäudeteilen, die bislang zu Wohnzwecken genutzt wurden. Auch die Sanierungsziele des Bezirks sahen eigentlich den Erhalt der Wohnnutzung vor. Inzwischen hat das Bezirksamt zugunsten des Projekts bereits die Änderung der Sanierungsziele beschlossen. Städtebauliche Bedenken wegen der Bebauungsdichte wurden "zurückgestellt".

Dass ein solches Projekt die notwendige Sensibilität und auch längere Planungsdiskussionen erfordert, ist nachvollziehbar. Bei den Umbaumaßnahmen müssen schließlich neben planerischen auch religiöse Aspekte berücksichtigt und nicht zuletzt Sicherheitserfordernisse geprüft werden. Doch langsam macht sich bei Sanierungsbeteiligten im Gebiet - die das Projekt grundsätzlich begrüßen - Unmut breit über die als mangelhaft empfundene Informationspolitik seitens des Bezirksamts und des Investors. Es schüre nur Misstrauen und sei letzten Endes kontraproduktiv, wo man doch eigentlich Zustimmung und Unterstützung für das Vorhaben auch bei den Anwohnern suchen müsse. Doch selbst die Sanierungsbeteiligten fischen, wenn sie etwas über den Stand des Verfahrens überhaupt und des Genehmigungsverfahrens im Besonderen erfahren wollen, derzeit eher im Trüben. Dabei will das "Yeshiva Beth Zion" bereits im Frühjahr 2006 hier einziehen.

Unübersehbar ist: in der Brunnenstraße wird bereits gebaut. Registriert wurde beispielsweise ein Teilabriss im Verbindungstrakt zwischen Vorderhaus und Synagoge. Sabine Krusen, Mitglied der Betroffenenvertretung, die sich seit den 90ern intensiv um die Freilegung der Synagoge und die Sicherung als Baudenkmal bemüht hat, war beunruhigt, weil bis heute keine Untersuchung des Verbindungsbaues hinsichtlich seiner historischen Substanz vorliegt, und bat bei der Unteren Denkmalschutzbehörde des Bezirks um Auskunft, inwieweit diese Maßnahmen vom Bezirk genehmigt seien. Denn falls nicht, müsste eigentlich die Bauaufsicht die ungenehmigten Arbeiten per Baustopp unterbinden. Ihr wurde mitgeteilt, es sei eine "mündliche Baugenehmigung" sowie eine Genehmigung für den Teilabriss erteilt worden. "Mündliche Baugenehmigungen" aber gibt es nicht. Nun will - so jedenfalls die Auskunft gegenüber Frau Krusen - die Denkmalpflege zumindest "prüfen", eine restauratorische Untersuchung zu beauftragen. Unter den Sanierungsbeteiligten gibt es die Sorge, dass noch während des laufenden Genehmigungsverfahrens baulich bereits Fakten geschaffen werden.

Was also soll hier wie umgebaut werden? Sensibilität in allen Ehren, aber gerade bei einem solchen ambitionierten Projekt ist nicht einzusehen, warum die Öffentlichkeit nicht angemessen informiert wird. Schlimm genug, dass mit einer monatelangen Unklarheit über die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen wild wuchernden Gerüchten und Angstvermutungen Vorschub geleistet wurde: da wurde schon die Absperrung des gesamten Bürgersteigs herbeiphantasiert. Letzter Informationsstand ist nun, dass lediglich Poller aufgestellt werden müssen. Über die Sicherheitsvorkehrungen entscheidet nicht der Bezirk, insofern kann man ihm dabei keine Vorwürfe machen. Was Sanierungs- und Denkmalfragen betrifft, sollte die sonst übliche Einbeziehung der Sanierungsbeteiligten insbesondere bei einem solchen Projekt nicht unter den Tisch fallen. Aufklärung beugt Misstrauen vor.


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