Betroffenenvertretung

Rosenthaler Vorstadt

Bürgervertretung im Sanierungsgebiet Rosenthaler Vorstadt

Geschichte

aktualisiert:  23.03.2009

Martha trifft Stofanel

Unter dem Namen „Marthashof“ wirbt seit einiger Zeit die Investoren-Gruppe Stofanel für ein Wohnungsbauprojekt am Rande der Rosenthaler Vorstadt in der Schwedter Straße.
In der christlichen Überlieferung galt Martha als Vorbild des tätigen Lebens.

    „Martha aber machte sich viel zu schaffen, um ihren
    Pflichten als Hausfrau und Gastgeberin nachzukommen“
    (Neues Testament, Lk 10,40)

Im Laufe der Zeit wurde sie mehr und mehr zur Magd, zur eifrigen selbstlosen Dienerin, die für das leibliche Wohl ihrer Herrschaft sorgt.

So war es naheliegend, dass die evangelische Mägdeherberge, die 1854 von Pastor Fliedner aus Kaiserswerth am „Verlorenen Weg“, heute Schwedter Straße, eingeweiht wurde, den Namen „Marthas Hof“ bekam.
Junge Mädchen aus dörflichen Gegenden Schlesiens oder Pommerns, die am nahen Stettiner Bahnhof (heute: Nordbahnhof) ankamen, um in Berlin in „Stellung“ zu gehen, erhielten hier eine Unterkunft, Verpflegung und eine praktische Ausbildung durch die Kaiserswerther Diakonissen. Sie sorgten dafür, dass die Mädchen neben den praktischen Kenntnissen der Hauswirtschaft auch die christlichen Tugenden Demut, Treue und Fleiß verinnerlichten. Mit solcherlei Gaben ausgerüstet, waren sie in den bürgerlichen und adligen Häusern sehr willkommen.
Bomben des zweiten Weltkrieges zerstörten sämtliche Gebäude dieser diakonischen Einrichtung.

Wenn man bedenkt, wer wohl die großzügig geschnittenen Wohnungen und Häuser im „Urban Village“ später säubern und in Ordnung halten wird, dann ist vielleicht die Bezeichnung „Marthas Hof“ gar nicht so abwegig. Ein gepflegtes Ambiente „without compromise“ wird ohne zahlreiche „Marthas“ wohl nicht erhalten werden können. Insofern lag das Investorenehepaar völlig richtig mit dem Namen „Marthashof.

Hier noch einmal zu hören:

DEUTSCHLANDFUNK
Dienstag, 03.03.2009, 19:15 Uhr:

Brunnenviertel/Marthashof – Der »soziale Äquator« als neue Grenze

Von: Anselm Weidner


Blog zum Thema:
Gentrificationblog >>

250 Jahre Rosenthaler Vorstadt

Auf Veranlassung und Kosten des Königs Friedrich II. entstanden nördlich der Spandauer Vorstadt, außerhalb der Akzisemauer (Torstraße) zwischen Rosenthaler und Spandauer Tor vier lange Reihen von Häusern für Maurer und Zimmerer aus Sachsen, vor allem dem Vogtland. 1752/53 nahm die Kolonie Neu-Voigtland Gestalt an. Die Hausreihen wurden zur Acker-, Berg-, Garten- (mit kleinen Gartenparzellen) und Brunnenstraße - von der Torstraße bis zum weit nördlich liegenden späteren "Gesundbrunnen" in Richtung des Dorfes Rosenthal. 1833 baute Schinkel in der übervölkerten Armengegend mit "St. Elisabeth" eine Vorstadtkirche. 1843 verfasste über die schlimmen Lebensumstände Bettina von Arnim ihr "Königsbuch". Die Begriffe Wülknitzsche Familienhäuser und Hobrechtsche Bebauung werden noch heute deutlich. 1873 war die Zionskirche fertig, 1903 das Warenhaus Jandorf als Vorgänger des KaDeWe. Die denkmalgeschützten U-Bahnhöfe ließen in Vergessenheit geraten, dass es auf der Brunnenstraße eine Teststrecke der Hochbahn gab.

Das zum Jubiläum 250 Jahre Rosenthaler Vorstadt erschienene Buch:
"Spurensuche in der Rosenthaler Vorstadt
Geschichte und Geschichten eines Kietzes"

wurde inzwischen ergänzt durch ein weiteres Buch
"Die Brunnenstraße"

beide wurden mit Unterstützung der BV Rosenthaler Vorstadt herausgegeben vom
Stadtzentrum e.V.
Verein zur Förderung der Bürgerbeteiligung

und sind für 2,00 EUR erhältlich bei der Betroffenenvertretung Rosenthaler Vorstadt: post@rosenthaler-vorstadt.de

Am einfachsten bekommen Sie ein Exemplar, wenn Sie zu einer unserer Sitzungen kommen. Die Termine finden Sie hier

Der Erlös aus dem Verkauf der Broschüren wird für die Verlegung weiterer Stolpersteine zur Erinnerung an Opfer des Naziregimes verwendet.

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Stolpersteine

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Jeschüttet und jebündelt
In dritter Generation führt die Familie Hantke in Berlin eine Kohlenhandlung. Ein Bericht über ein aussterbendes Geschäft

Berliner Zeitung, 26.01.2008
von Anette Selg

War so viel Himmel in der Stadt noch vor zehn Jahren. Luftiges Blau zwischen verfallenden Häuserzeilen, Wolkengrau über verwilderten Wiesen. Ich mag diese Löcher im Stadtbild, diese freien Plätze in der Nachbarschaft, diese Kriegswunden, die sich zu verwunschenen Gärten verwachsen haben. Das überwucherte Grundstück gegenüber, auf dem eine kleine Autowerkstattruine steht, oder auch das schwarze Dreieck ein paar Straßen weiter, eingeklemmt zwischen zwei Mietshäusern. Eine Kohlenlager-Baulücke mit einem ewig schwarzen Gehweg davor.

Kein Mensch ist zu sehen auf dem Grundstück an diesem klirrendkalten Wintertag. Dafür gestapelte Kohlesäcke, ein Berg faustgroßer Halbsteine, Kohlekästen, Brikettbündel, eine museumsreife Kohlenwiege, in der Ecke ein Schuppen, der als Holzlager und Werkstatt dient. Zwei Farbflecke krönen das Schwarz: ein hellgrüner Gabelstapler mitten im Matsch und der rote Bauwagen gleich neben dem Eingang, Kohlenhantkes Büro. Durch die Scheibe kann ich eine Kaffeetasse sehen und einen älteren Mann mit Brille. Manfred Hantke, der in Blaumann und weinroter Jacke hinter einem Schreibtisch sitzt, vor sich ein Telefon auf einem Zieharm, wie ein deutscher Krimikommissar aus den Siebzigern.

Eine runde Plastikuhr tickt laut von der Wand, und Manfred Hantke erzählt von den Kohlen, die früher Frauennamen trugen, "Ilse" oder "Sophia" oder "Jacoba", wie die Gruben eben hießen, aus denen sie geholt wurden. Nach dem Krieg dann gab es "Rekord" im Osten und "Union" im Westen, und dabei ist es geblieben, obwohl beide Marken mittlerweile vom selben Konzern kommen. Wenn das Telefon mit zwei verschiedenen Klingeltönen durch den Raum gellt, zieht er den Metallarm zu sich heran. "Kohlenhantke. Guten Tag." - "Jeschüttet, jebündelt, tschechische?" Nennt Zentnerpreise, Tonnenpreise, Mindestmenge. Sagt: "Ist nich so fest wie unsere deutsche Kohle und heizt auch nich so gut, zerfällt schneller, die tschechische." Legt auf und trägt den Liefertermin nach Pankow in seinen Kalender ein, sagt: "Wer billich kooft, kooft zweemal" und dann: "Früher haben wir ganze Straßenzüge beliefert und heute sind es nur noch einzelne Wohnungen."

"Die Sau fährt nicht mehr, der Stapler", kommt da der Chef hereingepoltert, Manfreds Sohn, der tatsächlich Peter heißt in diesem schwarzen Loch in Berlin-Mitte. Peter Hantke mit t, der Kohlenhändler, nicht der österreichische Dichter, trägt eine schwarze Wollmütze, eine schwarze dicke Jacke mit einem Harley-Davidson-Schriftzug, eine schwarze Hose. Sein Gesicht ist schwarz, und seine Hände sind schwarz, von der Kohle und von seinen Bemühungen, den Gabelstapler zum Laufen zu bringen. Als das Telefon wieder läutet, geht der Chef persönlich ran. "Firma Kohlenhantke. Guten Tag, was kann ich für Sie tun?" - "Zur Zeit nur Union, ja, die kommt aus Köln, und Eierkohle." - "Schönholzer, rückwärts ruff in Schuppen?" - "Na klar jeht det, sonst würd ick Ihnen det ja nich anbieten. So, der Name war bitte?" Danach notiert der Vater den vereinbarten Termin, und Peter Hantke versucht, einen Dieselfilter für den Stapler zu organisieren. Telefoniert Autoschrauber ab: "Guten Tach, Kohlenhantke." - "Nee, Fax hamwer nich, wieso auch", und macht sich auf den Weg nach Hohenschönhausen.

Seit 1990, erzählt Manfred Hantke, "als der Umsturz war, ja, die Vereinigung", führt sein Sohn Peter den Laden, in dritter Generation jetzt schon. Manfreds Eltern, die 1933 aus Niederschlesien kamen als "Rucksackberliner", hatten den Anfang gemacht mit Obst, Gemüse, Kohlen, Kartoffeln in der Heinrich-Roller. Die Kohlen lagerten damals noch im Keller, freie Plätze gab es erst durch die Bombenangriffe. 1946, nach der Rückkehr des Vaters aus der englischen Gefangenschaft, führte die Familie den Kohlenhandel weiter und zog bald um auf eine große Brache unten an der Greifswalder, gegenüber vom Friedhof. Das Grundstück ging bis nach Friedrichshain, die Mutter hielt Kleinvieh auf dem hinteren Teil, Karnickel, Hühner, Gänse, hat auch selbst geschlachtet. Manfred Hantke wollte Sport studieren nach dem Abitur. Aber zu den drei Jahren Studium hätte er sich auch noch für zehn Jahre NVA verpflichten müssen. "Um dann noch schief angeschaut zu werden als Sohn von 'nem Selbständigen?", fragt er über den Tisch. Da ist er doch lieber eingestiegen beim Vater nach der Schule.

"Wenn der nich looft, is Mist", sagt Manfred Hantke und zeigt auf den Gabelstapler, der unbeweglich im Schlamm steht. "Na ja, Pferde ham auch ma 'ne Kolik, aber sonst sind die zuverlässig." Sechs Pferde hatten sie Ende der Fünfziger in der Greifswalder. Der Stall war in einem zweiten Hinterhof auf der anderen Straßenseite, und bis zu dreimal die Woche wurde ein Pferdegespann abgestellt nach Marzahn, wo die Familie Wiesen hatte, um frisches Gras zu holen, und Heu wurde auch gemacht für den Winter.

Doch dann kam das Pferdeverbot Anfang der Siebziger. Die Möbelwagen, Bierkutscher, Eiswagen, die Müllabfuhr und eben auch die Kohlenhändler, alle durften sie nur noch über die kleinen Straßen ausliefern mit ihren Pferdewagen. Motorisiert hätten sie sich früher oder später ohnehin, meint Manfred Hantke, aber dann war es ja auch noch "Erich seine Zeit" und dem passte der schwarze Fleck auf der Greifswalder überhaupt nicht, genau an seiner Protokollstrecke vom Staatsratsgebäude nach Wandlitz raus. Der Firma Hantke wurde ein Gelände in der Neuen Schönhauser zugeteilt stattdessen. Als dort die Post neu gebaut wurde, kam der Umzug in die Dircksen und danach in die Tucholsky und schließlich, Anfang der Neunziger, hierher in die Anklamer. "Der Vorjänger hatte sich totjesoffen", sagt Manfred Hantke und dass zum Lager damals noch ein großes Gelände auf der anderen Straßenseite gehörte. Heute steht dort ein modernes Mietshaus mit Sonnenstudio im Erdgeschoss.

Er begleitet einen Kunden in den Schuppen, verkauft einen Sack Anmachholz, kommt wieder zurück und erzählt noch immer empört, wie ihn "in unsrer ehemaljen DDR" ein Polizist an drei aufeinanderfolgenden Tagen anhielt auf dem Heimweg und "Was sind Sie von Beruf?" fragte. "Kohlenhändler! Na also. Pusten, bitte."

Vor dem Bauwagen ist es dunkel. In der Ecke schimmern die neu gelieferten Rekord-Briketts im Licht der Straßenlampe. Peter Hantke steigt vom Gabelstapler und sieht aus wie ein Kumpel, der von der Zeche kommt, müde und sehr zufrieden. Jahrgang '61 ist er, so alt wie die Mauer. Mit schwarzem Gesicht und strahlenden Augen erzählt er, dass er immer Kohlenhändler hat werden wollen, das ja schon bei den Großeltern mitbekommen hat damals in der Greifswalder mit dem Holz und der Kohle und den Pferden noch. Wie es mit Urlaub aussieht? frage ich ihn. "Na, Urlaub", sagt er. "Von März bis September", und beide lachen wir wie über einen guten Witz. Und als ich wissen will, wie alles weitergeht mit der Firma und ob er dem Kohlenhandel noch eine Chance gibt, erzählt er vom Sohn, der zur Zeit Schlosser lernt, "nee, Konstruktionsmechaniker heißt das", und danach sein Fachabitur macht und dass sie dann vielleicht zusammen etwas anfangen. "Ick könnt mir auch was andres vorstellen. Blumenerde zum Beispiel, und Blumen, wieso nich? Aber das mit der Kohle, wissen Sie, so mit den steigenden Öl- und Gaspreisen, ick kenn Leute, die bauen sich wieder 'nen Kohleofen in ihr Haus." Aber selbstständig bleiben will er auf jeden Fall. "Und eins hab ick jelernt in meinem Leben", sagt Peter Hantke, und es ist ihm ernst, das sieht man ihm an: "Det jeht immer weita, det hab ick jelernt! Det jeht imma weita!"

Und so verlasse ich Kohlenhantke unerwartet zuversichtlich und hole meinen Sohn aus der Kita. "Du hast Hundekacke an deinem Schuh", ruft er, "kuck doch mal, Hundekacke." Ich schüttele den Kopf und versuche, dem Zentralheizungskind zu erklären, was Kohle ist.