Betroffenenvertretung

Rosenthaler Vorstadt

Bürgervertretung im Sanierungsgebiet Rosenthaler Vorstadt

Berliner Zeitung, 16.April 2005

aktualisiert:  12.06.2006

Die Mauerstadt erinnert sich ihrer Mauer
Der Kultursenator will den DDR-Todesstreifen an der Bernauer Straße erhalten

Thomas Rogalla

Jahrzehntelang spaltete die Mauer Berlin, trennte Familien, machte West-Berlin zur Insel. Nach 1989 konnte der Abriss des weltweit bekanntesten realsozialistischen Bauwerks den Berlinern gar nicht schnell genug gehen - nur wenige Relikte von Mauer und Todesstreifen sind noch erhalten.

Jetzt zeichnet sich ein Umschwung im Denken der ehemaligen Mauerstadt ab. Kultursenator Thomas Flierl (PDS) erwägt in seinem noch unveröffentlichten "Gedenkkonzept Berliner Mauer", Teile der letzten großen Grenzbrache in der Innenstadt längs der Bernauer Straße vor einer bereits geplanten Bebauung zu bewahren. "Diese Überlegung spielt in unserem Konzept eine zentrale Rolle", sagte Flierls zuständiger Referent Rainer Klemke der Berliner Zeitung. Das Papier, das seit Sommer 2004 im Auftrag Flierls von einer Arbeitsgruppe aus Verwaltungen, Historikern und Denkmalschützern erarbeitet wurde, will der Senator am Montag der Öffentlichkeit präsentieren.

In dem mehrere hundert Meter langen Mauerstreifen zwischen Nordbahnhof und Mauerpark liegt die Gedenkstätte Bernauer Straße, deren erhaltenes Original-Mauerstück nur sehr kurz ist. Rechts und links davon ist der ehemalige Todesstreifen jedoch noch weitgehend unbebaut erhalten. Es handelt sich zwar um Bauland, allerdings wurden geplante Projekte wegen der Flaute auf dem Wohnungsmarkt bislang nicht realisiert.

Der freie Todesstreifen, für dessen Schaffung das DDR-Regime ganze Häuserzeilen längs der Straße abriss und auf dem man 1985 sogar die Ver-söhnungskirche sprengte, zieht sich auch 15 Jahre nach dem Mauerfall als deutlich erkennbare Schneise durch die Stadt. Zusammen mit dem alten Bahngelände des Nordbahnhofs, auf dem in einem Park noch ein rund 400 Meter langes Originalstück der Hinterlandmauer erhalten ist, ergibt sich mitten in der Stadt ein großes Areal, auf dem die trennende Wirkung der Mauer noch erkennbar ist.

Als einen Grund für das neue Nachdenken über dieses Areal konstatierte das Potsdamer "Zentrum für Zeithistorische Forschung" in einer Zuarbeit für Flierls Konzept: "Anderthalb Jahrzehnte danach (.) schlägt die erfüllte Entsorgungsforderung um in den Wunsch nach einem authentischen Erinnerungsort, der den verflogenen Schrecken der Mauer fassbar macht."

Auch der große Erfolg der umstrittenen, weil verfälschten Mauerrekons- truktion am Checkpoint Charlie bei Einheimischen und Touristen lieferte der Verwaltung einen Anstoß, über die Aufwertung der authentischen Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße nachzudenken. Die Vorsitzende des Gedenkstätten-Vereins Bernauer Straße, Gabriele Camphausen, begrüßte die Überlegungen: "Zu einer eindrucksvollen Dokumentation der Teilung Berlins gehört die räumliche Erfahrung", sagte sie.

Für eine Realisierung der Pläne wären allerdings hohe rechtliche und finanzielle Hürden zu überwinden. Zum einen wären die Interessen der unterschiedlichen Besitzer der Flächen unter einen Hut zu bringen, zum anderen müssten sich die Eigentümer bei Bund, Land und Privaten mit einem Tausch von Grundstücken oder einem Verzicht auf eine Bebauung einverstanden erklären. Oder Berlin müsste Flächen kaufen, um sie brachliegen zu lassen. Der stellvertretende Leiter des Planungsamtes von Mitte, Steffen Klette, hält es deshalb für illusorisch, den gesamten Grenzstreifen zu erhalten. "Das würde wahnsinnig viel Geld kosten", sagte Klette. Er hält es aber für denkbar und wünschenswert, wenigstens die Grundstücke zwischen der Gedenkstätte und der Versöhnungs-Kapelle frei zu halten, ebenso das nach Norden angrenzende Friedhofsareal der Sophiengemeinde. Das ergäbe einen "Schutzraum" links und rechts der Gedenkstätte. Bedroht ist dieses Gesamt-Ensemble unter anderem akut von zwei Bauvorhaben. Eines, ein Haus mit Eigentumswohnungen, soll direkt neben der Gedenkstätte entstehen. Den Ausverkauf des letzten großen Mauerareals in der Innenstadt Berlins, so ärgert sich ein Historiker, stelle aber die Planung der Firma Lidl dar. Die Kette will in Sichtweite der Gedenkstätte auf dem ehemaligen Todesstreifen einen Supermarkt bauen.

 

Neues Konzept

Am Montag stellt Kultursenator Thomas Flierl (PDS) seine Vorstellungen für das Gedenken an die Mauer öffentlich vor. Zur Erstellung eines Gesamtkonzepts für die in der Stadt verstreuten verschiedenen Gedenk- orte war Flierl unter anderem von CDU und Grünen im Abgeordnetenhaus aufgefordert worden.

Die Debatte um die Installation aus über 1 000 Holzkreuzen und und Mauerteilen am früheren Grenzübergang Checkpoint Charlie hat die Arbeitsgruppe des Senators außerdem zur Eile angehalten. Genüsslich hatte die Chefin des Mauermuseums, Alexandra Hildebrandt, dem Senator gedenk-politische Untätigkeit vorgeworfen.

In der Bernauer Straße ein historisch glaubwürdiges Gegengewicht zu der Inszenierung am Checkpoint Charlie zu schaffen, lag deshalb nahe. Allerdings stellen sich eine Reihe schwer wiegender Probleme: planerische, rechtliche und finanzielle.

Die Grundstücke auf dem ehemaligen Mauerstreifen werden nach dem Mauergesetz von 1996 durch das Bundesfinanzministerium verwaltet, vertreten durch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima). Die Grundstücke werden nach marktüblichen Preisen verkauft, ausgenommen solche, bei denen ein Alteigentümer Interesse anmeldet. Dann erhält er entsprechend einer Son- derregel das Grundstück zu einem Viertel des Verkehrswertes angeboten.

Die Erlöse aus dem Verkauf der Grundstücke landen im Mauergrundstücksfonds, aus dem die neuen Bundesländer anteilig Geld erhalten. Berlin bekam aus diesem Fonds bislang rund 6,5 Millionen Euro, die in das Dokumentationszentrum Berliner Mauer flossen.

Etliche Flächen gehören nun wieder Privat- eigentümern, die für ihre Projekte teilweise bereits über gültige Baugenehmigungen verfügen.